Das optimal getrimmte Rigg

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Stammabend 5. Oktober 2011

Einen eher technisch orientierten Stammabend mitten in den Herbstferien anzusetzen, grenzt schon an grobe Fahrlässigkeit. Dass sich trotz dieses nicht optimalen Timings gegen 40 RG Mitglieder im Mittenza einfanden, darf als Erfolg bezeichnet werden. Die Besucher des Stammabends haben ihr Kommen sicherlich nicht bereut.

Daniel Schroff, Geschäftsführer von North Sails Schweiz, kann sicherlich als der Experte auf diesem Gebiet bezeichnet werden. Sein Geschäft bilden Segel und Rigg, ein Thema, das ihn als sehr erfolgreicher Segler (u.a. als Olympiateilnehmer 1988 in Seoul) auch in seiner Freizeit permanent beschäftigt.

Auch wenn Daniel in vielen Projekten aktiv war und ist und sein Herz für‘s Regattasegeln schlägt, so bildet doch der Verkauf und Service von Segeln sowie der Riggtrimm sein Kerngeschäft. Davon konnten die Zuhörer, mehr oder weniger ambitionierte Amateure, sicherlich in höchstem Masse profitieren.

Grundsätzlich gilt, dass es nicht „das beste“ Rigg gibt. Dieses hängt von den Eignerwünschen sowie den Konstruktionsvorgaben ab. Das ideale Rigg für den ambitionierten Binnensegler ist sicherlich nicht optimal für einen Offshore Racer, das Fahrten-Rigg ist nicht dasselbe wie für einen one-design Racer. Eigentlich logisch und doch bedenkenswert.

Auch wenn der klassische Alumast bei uns Amateuren immer noch der Favorit bei den Materialien ist, so gewinnt Carbon doch immer mehr an Bedeutung. Die 40% Gewichtsersparnis im Mast ermöglichen einen Schiffs-Schwerpunkt, der 10% tiefer liegt und jedes Kilogramm Gewichtsersparnis im Rigg ermöglicht 8 bis 9 Kilogramm Gewichtsreduktion beim Kiel. Dies optimiert logischerweise das aufrichtende Element, ermöglicht weniger Tiefgang, ein besseres Schiffsverhalten im Seegang, weniger Stampfen und ein besseres Amwindverhalten.

Der Masttrimm beginnt damit, dass der Mast wirklich mittig steht. Distanzmässige Abweichungen zwischen den Püttings sind nicht selten festzustellen. Ebenso weisen die Salings häufig Fertigungstoleranzen auf, die dazu führen, dass die Symmetrie nicht gewahrt bleibt. Ein ebenso „beliebter“ Fehler bilden Abweichungen in den Salingswinkeln.

Wie sieht nun der optimale Mast-Trimm aus?

Wie viel Mastfall? Grobe Richtwerte:
– Topgetakeltes Tourenboot: 0.5° = 9 mm / m Mastlänge = 18 cm auf 20 m
– Topgetakeltes Regattaboot: 1.0° = 18 mm / m Mastlänge = 36 cm auf 20 m
– 7/8 getakeltes Tourenboot: 2.0° = 35 mm / m Mastlänge = 70 cm auf 20 m
– 7/8 getakeltes Regattaboot: 3.5° = 61 mm / m Mastlänge = 122 cm auf 20 m

Riggspannung:

Unterwantenspannung – Richtwerte für:
– 1 Salings Rigg: 60% der Oberwanten
– 2 Salings Rigg: 40% der Oberwanten
– 3 Salings Rigg: 30% der Oberwanten

Mittelwanten nicht überspannen. Richtwerte für :
– 2 Salings Riggs: 10% der Oberwanten
– 3 Salings Riggs: Unten 8%, oben 6% der Oberwantenspannung

Riggs mit stark gepfeilten Salings müssen mit viel Spannung gefahren werden. Die Leewanten dürfen nie lose kommen.

Reihenfolge der Riggspannung:
– Vorstag und Achterstag lose für korrekten Mastfall einstellen;
– Dann zunächst die Oberwanten;
– Danach die Unterwanten;
– Dann erst die Mittelwanten (erst D2, dann D3)
– Zum Schluss Vorstag und Achterstag endgültig eintrimmen

Grundspannung:
– Sinnvolle Vorspannung für Cruising Yachten sind ca. 15-20% der Bruchlast (vom Masthersteller zu erfahren)

Alles klar? Dann geht es auf’s Wasser. Das Rigg sollte immer unter Segel getestet werden. Hier lässt sich feststellen, ob die Yacht lee- oder luvgierig ist. Hier lässt sich auch feststellen, ob die Leewanten durchhängen oder die Spannung optimal ist. Ein häufig zu beachtendes Phänomen ist, dass Segler die Wanten „schonen“ wollen, indem sie diese nicht korrekt durchsetzen. Wer unsicher ist, dem sei empfohlen, beim ersten Mastsetzen einen Spezialisten beizuziehen. Die zusätzlichen Kosten zahlen sich aus, denn das Rigg „lebt“ länger und die Yacht segelt schlicht schneller, besser balanciert und letztlich auch sicherer. Ein Mastbruch aufgrund falschen Handlings ist sicherlich teurer als die Investition in einen Spezialisten wie Daniel.

Nachdem wir die Grundlagen verstanden haben, führte uns der Referent in die Besonderheiten der verschiedenen Riggtypen. Der Trimm ist beim 7/8 Rigg anders als beim Toprigg, der Trimm bei Backstagen und Jumper anders als bei der typischen Fahrtenyacht. Wer bis vor dem Stammabend gemeint hat, ein Mast sei ein Mast, der hat nun verstanden, dass etwas Ingenieur- resp. Physikwissen nicht schlecht wäre, um die unterschiedlichen Einflussfaktoren zu verstehen.

Jedes Rigg wird beansprucht, weshalb dieses vor oder nach der Saison kontrolliert werden sollte. Im Winterlager lässt sich das Rigg relativ einfach kontrollieren und allfällige Schwachstellen ausmerzen. Nicht jeder Riss ist kritisch, es könnte sich auch nur um ein Spachtelproblem handeln, doch lohnt sich eine vertiefte Analyse durch den Spezialisten. Verbogene Rods müssen in jedem Fall ersetzt werden und beim Ersatz von Fallen sollten die Umlenkrollen zumindest kontrolliert werden. Sehr oft sind diese so scharf geschliffen, dass manch einer, der ins Top hochgehisst wird, angst und bange wäre, wüsste er oder sie, wie dünn das Tauwerk ist, an dem man hängt. Riskiere deshalb nicht Deine Gesundheit, sondern ersetze Verschleissteile rechtzeitig und stimme die Produkte aufeinander ab!

Nach der Pause bildete der Segeltrimm den Schwerpunkt der Ausführungen. Je älter ein Segel ist, desto mehr wandert die Profiltiefe nach hinten. Damit verliert man Höhe und es wird nur noch Druck erzeugt. In den letzten Jahren hat sich das Vorsegel verkleinert und die Bedeutung des Gross nahm zu. Ein optimaler Grosssegeltrimm ist damit essentiell geworden, auch wenn dieser beim Fahrtensegler aus Bequemlichkeit oft nicht vorgenommen wird. Es ist deshalb schwer zu verstehen, dass einige „moderne“ Fahrtenyachten bspw. ohne Traveller auskommen …

Spätestens ab diesem Zeitpunkt wurde das Thema anspruchsvoll. Daniel führte virtuos durch all die Trimminstrumente und zeigte deren Abhängigkeiten und Auswirkungen auf. Auch wenn es theoretisch klar ist, wie sich unterschiedliche Mastbiegungen und Segelprofile auf das Segelverhalten auswirken, so ist die Realität mit all ihren Faktoren doch etwas anspruchsvoller. Empfehlenswert ist deshalb beispielsweise, das Buch von North Sails zum Thema Segeltrimm zu lesen und in den Sommermonaten die Erkenntnisse schrittweise umzusetzen, bspw. im Rahmen von Plauschregatten.

Nebst dem Trimm bilden die Segelmaterialien ein beliebtes Diskussionsthema, wenn es darum, eine Yacht geschwindigkeitsmässig zu optimieren. Als weltgrösster Segelhersteller verfügt North Sails über die entsprechende Kompetenz. Die klassischen Dacron-Segel werden verstärkt durch Laminatlösungen abgelöst. Letztere verfügen bereits über eine relative lange Lebensdauer, sofern es sich nicht um Spezialdesigns vom Typ „Alinghi“ handelt, die nach 20 Segelstunden bereits weggeworfen werden mussten … Aber auch ein Dacron-Segel sollte nach ca. 7 Jahren ersetzt werden, wenn man nicht zu oft motoren möchte.

Die Qualität des Segels erkennt man leider erst nach einigen Monaten und nicht schon beim Kauf. Es empfiehlt sich also, sich mit den Details von Segelschnitten und –materialien zu befassen und sich bei Kolleginnen und Kollegen rumzuhören. Die Preise kennen keine Obergrenze, doch das Teuerste muss nicht immer das Optimalste sein. Es ist das Zusammenspiel von Bootsdesign, Rigg, Segel und deinen Zielen, welches Berücksichtigung finden muss, dies nebst den selbst gesetzten Budgetrestriktionen.

Die besten Hightech-Segel nützen jedoch nichts, wenn man nicht trimmen kann oder will. Probier doch am besten mal die bestehenden Instrumente an Bord deiner Yacht aus, arbeite an Holepunkt, Traveller, Fallspannung, Schotführung, etc. und messe die Auswirkungen auf Speed und Höhe. Am idealsten ist es, mal einen Spezialisten an Bord zu holen, sei es für den initialen Masttrimm, aber auch für das permanente Trimmen der Segel. Den optimale Trimm aus seiner Yacht herauszuholen ist eine sportliche Herausforderung, macht Spass und erhöht die Sicherheit.

Dieser höchst interessante Stammabend hat uns sicherlich alle motiviert, uns in den Wintermonaten den Themen „Rigg“ und „Segeltrimm“ verstärkt anzunehmen. Mit einem sehr grossen Applaus und einem Gastgeschenk aus der Region wurde Daniel und seiner Partnerin Claudia herzlich gedankt.

Wir können den Vortrag von Daniel Schroff von North Sails allen RG’s bestens empfehlen!

Captain Andreas Schneeberger