Der versunkene Schatz

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Neujahrsapéro der Regionalgruppe Basel des CCS

Am 8.Januar 2016 konnte Captain Hans Litscher 108 Mitglieder zum Neujahrsapéro im Antikenmuseum Basel begrüssen. Wie an der Generalversammlung versprochen, stellte der Captain zuerst das Jahresprogrammes vor und erläuterte kurz alle Anlässe. Nach den Neujahrswünschen an alle Anwesenden übergab er das Wort an Herrn E. Dozio, Chefkurator der Ausstellung „Der versunkene Schatz. Das Schiffswrack von Antikythera“. Nach einer langjährigen Zusammenarbeit mit dem Griechischen Nationalmuseum ist die Ausstellung das erste Mal überhaupt ausserhalb Griechenlands zu sehen; dies ist eine grosse Ehre für das Antikenmuseum und die Stadt Basel. Mit einer spannenden Präsentation führte uns Herr Dozio durch die Zeit von 100 vor Chr. bis zum Zeitpunkt des Schiffsuntergangs zwischen den Jahren 70-60 vor Chr.

Wie wurde das Schiff gefunden?

Der griechische Kapitän Dimitrios Kontos , Besitzer zweier Schiffe und Schwammtaucher, war im Frühjahr 1900 auf dem Rückweg von der tunesischen Küste nach Symi als er vor einem Sturm in der Ägäis vor der Insel Antikythera Schutz suchen musste. Als das Wetter sich besserte, beschloss er die Gelegenheit zu nutzen und schickte seine Männer ins Wasser um den Meeresboden nach Schwämmen abzusuchen. Die Taucher entdeckten in etwa 50 Metern Tiefe ein Wrack voller Krüge und Statuen aus Bronze und Marmor. Ein halbes Jahr bewahrten die Taucher ihr Geheimnis für sich, dann meldete Kontos den Fund bei den zuständigen Behörden. Gleichzeitig ersuchte er um eine Bewilligung, gegen eine Belohnung gezielt nach dem Schatz tauchen zu dürfen. Unter Aufsicht der Regierung tauchten sieben Taucher ein Jahr lang unter schwierigsten Bedingungen. Der inzwischen durch einen Tauchunfall gelähmte Kontos war enttäuscht über seinen Lohn, hatte er doch viel höhere ausländische Angebot abgelehnt. 1953 unternahm der berühmte Taucher Jacques-Yves Cousteau einen ersten Tauchgang, dem 1976 ein zweiter folgte, bei welchem die grösste Anzahl von Fundstücken gehoben wurde. 2014 wurde eine neue meeresarchäologische Untersuchung in Angriff genommen, bei der das ganze Areal genau kartiert und untersucht wird, was bei den früheren Bergungen zum Leidwesen der Archäologen nicht der Fall gewesen war. Dabei wurden neue Erkenntnisse über die Grösse des Schiffes und seine Ladung gewonnen und vermutlich ein weiteres Wrack in den Sedimenten entdeckt. Das Wrack von Antikythera ist als Zeitdokument für die Wissenschaft vergleichbar mit den Schätzen des Tutenchamun, der Entdeckung von Troja oder den Ruinen von Pompeij.

Griechischer Kunsthype in Rom!

Das Römische Reich hatte seinen Machtbereich in den letzten 200 Jahren v.Chr. besonders nach Osten stetig erweitert. Seit 146 v. Chr. war Griechenland, neben anderen Gebieten in Nordafrika und Kleinasien, eine römische Provinz. Mit den Eroberungen wurden neue Kulturen bekannt. Vor allem diejenige der Griechen hatte es den Römern angetan. Die bäuerlichen Sieger waren fasziniert von Kunst, Literatur, Philosophie und feiner Lebensart der Griechen. Vor allem die römische Oberschicht war bestrebt, sich mit Griechischem zu umgeben. Durch die Briefe des Politikers, Anwalts und Literaten Marcus Tullius Cicero an seinen Freund Pomponius Attikus in Athen wissen wir, wie versessen die römische Aristokratie auf Kunstgegenstände war. Zwei Beispiele: Anfang Februar 67 v. Chr. schrieb er: „L.Cincius werde ich am 13. Februar 20400 Sestertien auszahlen. Sorge bitte dafür, dass ich möglichst bald bekomme, was Du, wie Du schreibst, für mich gekauft hast. Überleg Dir bitte auch, wie versprochen, wie du mir eine Bibliothek verschaffen kannst.“ Ende Februar schrieb er: „L. Cincius habe ich für die megarischen Standbilder die von Dir angegebene Summe, 20400 Sestertien überwiesen. Auf Deine pentelischen Hermen (Säulen)mit den Bronzeköpfen, von denen Du schreibst, freue ich mich schon jetzt; darum schick sie mir, und Standbilder und was sonst für den Platz passt und meiner Schwärmerei sowie Deinem Geschmack entspricht, möglichst viel und möglichst bald, vor allem solche Stücke, die sich für das Gymnasium und die Arkaden eignen. Auf diese Dinge bin ich nämlich so versessen, dass Du diese meine Leidenschaft fördernd, andere sie fast tadelnswert finden müssten. Wird es mit Lentulus‘ Schiff nichts, so verlade die Sachen, wie Du es für richtig hältst.“. Cicero war bei weitem nicht der einzige Römer mit einer Leidenschaft für griechische Kunst. Aus Griechenland eingeführte bemalte Vasen, Marmorskulpturen, Statuen, Geschirr, Schmuck, Gemälde fanden bei Kunstauktionen ihre Käufer. Die Nachfrage war so gross, dass nicht genügend Originale aus Tempeln verfügbar waren, also wurden Künstler und Handwerker aus Griechenland nach Rom geholt. In Griechenland und Kleinasien wurden Kopien von Kunstgegenständen in grosser Zahl in Manufakturen produziert, es entstand eine neue Industrie deren Erzeugnisse durch Kunsthändler weiter vermittelt wurden. Natürlich waren nicht alle Römer mit diesen Zuständen einverstanden .Konservative Kreise befürchteten eine Verweichlichung der Gesellschaft und den Verlust von militärischer Zucht und Ordnung. Ausserdem gab es Fälle von illegalen Aneignungen von Kunstwerken, die auch Cicero verurteilte.

Die Reise

Cicero‘s Bestellungen trafen Monate später im Hafen von Gaeta bei Rom ein, aber längst nicht alle Lieferungen erreichten ihr Ziel. Die Reise von Kleinasien über die Ägäis war kein Zuckerschlecken. Schiffe konnten von Piraten überfallen und von tückischen Strömungen abgetrieben werden oder in Stürme und heftige Gewitter geraten; vielen Gefahren musste getrotzt werden. Vermutlich liegen, wie Fachleute meinen, Tausende antiker Schiffswracks auf dem Grund des Mittelmeeres; ca. 1500 sind wissenschaftlich erfasst, aber keines ist so gründlich untersucht worden wie das Wrack von Antikythera. Da der Kompass zu dieser Zeit noch unbekannt war, bewegten sich die Schiffe den Küsten entlang und löschten und luden in jedem Hafen Waren. Vermutlich führte die Reise des erforschten Schiffes von Pergamon über Ephesus zur Kykladeninsel Delos, einem der wichtigsten Handelshäfen, da er steuerfrei war. Hier wurden Sklaven, Glaswaren aus Syrien und Ägypten, Marmor- und Bronzestatuen und andere Luxusgüter gehandelt. Weshalb das Schiff auf seiner Weitereise vor Antikythera unterging kann nur vermutet werden; war es ein Sturm, Piraten, eine verschobene Ladung? Auf jeden Fall war das 20 km2 grosse Antikythera, das als Piratennest galt, ein guter Wegpunkt. Auf halber Strecke zwischen Peleponnes und Kreta gelegen, war es eine wichtige Verbindung zwischen Ägäis und Ionischen Meer. Ziel der Reise könnte möglicherweise Pozzuoli im Golf von Neapel gewesen sein.

Das Schiff

Die Frachtschiffe der damaligen Zeit verbanden unterschiedliche Kulturen und Regionen rund um das Mittelmeer. Ihre Bauweise war im ganzen Mittelmeerraum ähnlich: Gedrungene, bauchige Form, ein Hauptmast mit rechteckigem Rahsegel und ein kleiner Vormast, deshalb wurden sie auch „corbita“ (Korb) genannt. Für Passagiere und Besatzung gab es im Heck eine mit Ziegeln gedeckte Hütte als Unterstand. Die gefundenen Planken sind aus Ulmenholz, welches nach der C14-Bestimmung schon um 200 v.Chr. geschlagen worden war; das Schiff war wohl also schon ein älteres Modell. Bei der mediterranen Schalenbauweise wurden zuerst Kiel, Achter- und Vordersteven gelegt und anschliessend der Rumpf mit Planken in Feder und Nut-Technik auf aufgebaut. Die Spanten wurden im nächsten Arbeitsschritt befestigt. Als Befestigungen wurden Holz- und Bronzenägel gebraucht. Das Schiff wurde kalfatert und mit dünnen Bleiplatten verkleidet. Vermutlich war es grösser als bisher angenommen, heute schätzt man seine Länge auf 50 Meter oder mehr.

Die Fracht

Das Beladen der Schiffe war eine logistische Herausforderung. Fachmännisch musste jedes Frachtstück platziert und befestigt werden, ansonsten drohte bei einer Verschiebung der Last unweigerlich die Kenterung. Im Wrack wurden Gegenstände des täglichen Bedarfs wie Gefässe aus Ton, Zinn, Bronze, Glas, Keramik gefunden. Ausserdem Olivenkerne, Schneckenhäuser, Kochgeschirr, eine Steinmühle, Spielsteine, Teile eines Musikinstruments, Goldschmuck und natürlich die berühmten Marmor- und Bronzestatuen. Besonders eindrücklich sind die Marmorplastiken, die den Einfluss von mehr als 2000 Jahren Meerwasser deutlich zeigen: Alle Teile, die über dem Sediment oder dem Sand lagen sind von Muschel- und Pflanzenbewuchs zum Teil bis zur Unkenntlichkeit beschädigt. Andererseits staunt man über die Schönheit und Lebendigkeit der aus den Sedimenten geborgenen, lebensgrossen Statuen .Bis heute wurden über dreissig Marmorstatuen, darunter Fragmente von vier lebensgrossen Pferden geborgen. Der berühmteste Teil dieser Schiffsladung ist aber der „Mechanismus von Antikythera“, der schon 1900 entdeckt wurde und der der Forschung immer noch Rätsel aufgibt. Es handelt sich um ein, von einem Holzrahmen eingefasstes Objekt aus Bronze in der Grösse einer Schuhschachtel. Scheiben, Zahnräder und Inschriften auf Fragmenten zeigen, dass wahrscheinlich Bewegungen von Sonne, Mond und Planeten voraus berechnet werden konnten. Allerdings liegt die Hälfte der Bestandteile immer noch auf dem Meeresgrund. Cicero schreibt, dass er in Rhodos ein Exemplar gesehen habe, auf dem sich die Bewegungen der Gestirne ablesen liess. Ein solches Vergleichsexemplar fehlt der Wissenschaft heute, so muss über die Verwendung des Mechanismus bis auf weiteres spekuliert werden. In der Ausstellung sind Rekonstruktionsversuche ausgestellt. Das Original ist so fragil, dass es nicht transportiert werden kann.

Prix Basel Offshore und Apéro

Nach dem Besuch der äusserst empfehlenswerten Ausstellung versammelten sich alle Anwesenden zur Übergabe des Prix Basel Offshore 2015. Die Jury, bestehend aus Arnold Flückiger, Hans Litscher und Silvio Ofner, wählte als siebte Gewinner des Preises Gabriel Wolf, Florian Wolf und Matthias Jeker mit ihren Crews vom Verein Jugendprojekte. Vor 12 Jahren bauten Schüler/innen FOS Freie Oberstufen Schule (Rudolf Steiner-Schule) in Muttenz im Rahmen eines Schul-Projekts zwei Katamarane, die Solea und die Planado. Von Juli bis November 2014 wurden die beiden Schiffe unter dem Motto „Back to Basel“ über Sardinien-Gibraltar-Iberische Westküste-Biskaya-Bretagne-Rotterdam mit wechselnden Crews nach Basel überführt, wo sie in Freiwilligenarbeit gänzlich überholt wurden. Mit grossem Applaus wurden die Gewinner bei der Preisübergabe geehrt.Mit ausgiebigen Gesprächen bei Getränken und Häppchen im Museumbistro endete ein sehr spannender und schöner Beginn ins Vereinsjahr 2016.

Olsberg, 19.Januar 2016, Christine Litscher