Lesung und Gedichte rund ums Meer

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Sie haben das mächtige Meer unterm Bauch
und über sich Wolken und Sterne.
Sie lassen sich fahren vom himmlischen Hauch
Mit Herrenblick in die Ferne.
Joachim Ringelnatz

Mit diesen Zeilen beginnt Joachim Ringelnatz’ 1932 erschienenes Gedicht „Segelschiffe“. Und mit diesen Zeilen eröffnete Leontina Knoll an unserem März-Stammabend ihre Lesung mit Lyrik und Prosa rund um das Thema Meer.

Leontina Knoll, diplomierte Schauspielerin und leidenschaftliche Vorleserin, Seglerin und Mitglied bei der RG Urnersee, brachte einen bunten Strauss mit Gedichten und Geschichten in die Mittenza nach Muttenz und gewann damit die Aufmerksamkeit des Publikums von der ersten Minute an.

Gedichte und Geschichten über das Meer, Segelschiffe und Kapitäne wechselten sich ab und regten zum Träumen und auch zum Nachdenken an. Denn die meisten der ausgewählten Autoren lebten im 19. Jahrhundert, in einer Zeit, als die Schifffahrt nur selten dem Vergnügen diente, sondern vielmehr mit dem teils harten, teils mysteriösen Leben auf den Schiffen in Verbindung gebracht wurde.

Die Tragik kommt beispielsweise in Fontanes Ballade „John Maynard“ oder Jack Londons Erzählung „Westwärts um Kap Hoorn“ zum Vorschein. Während bei Fontane ein Schiffsbrand nahe der Küste und das Verhalten des tapferen Steuermannes John Maynard im Zentrum stehen, schildert London in seiner Geschichte, wie der „behaarte und brutale“ Kapitän Dan Collin mit seiner Mannschaft und einem Passagier umgeht. Die beiden Protagonisten hinterlassen einen sehr unterschiedlichen Eindruck, denn während Fontanes Steuermann selbstlos die Leben der Passagiere rettet und durch diese Aktion selber zu Tode kommt, setzt Londons Kapitän Dan Collin alles daran, „westwärts“ zu kommen: Sieben Wochen kämpft er vor dem Kap Hoorn gegen Wind und Wellen auf dem Weg nach Westen und setzt dabei auch Menschenleben aufs Spiel. Alleine das Ziel, nach Westen vorwärts zu kommen, treibt Kapitän Dan Collin an – dass dafür Menschen sterben müssen, spielt für den Kapitän keine Rolle, er opfert sie für seine Sache.

Doch Leontina bot den gespannten Ohren auch leichtere Kost. So fragt etwa ein verirrtes Meerschweinchen in Ringelnatz’ „Heimatlose“: Wo ist das Meer?

Als begeisterte Wassersportler im 21. Jahrhundert, hat sicher alle Anwesenden die letzte Strophe des anfangs erwähnten Gedichts „Segelschiffe“ von Joachim Ringelnatz angesprochen und die Vorfreude auf die neue Segelsaison geweckt:

Es rauscht wie Freiheit, Es riecht wie Welt.
Natur gewordene Planken
sind Segelschiffe. Ihr Anblick erhellt
und weitet unsre Gedanken.
Joachim Ringelnatz

Vielen Dank, liebe Leontina, für deinen Besuch bei der RG Basel. Du hast uns mithilfe von Sprache und Stilmitteln die Freuden und Leiden der Seefahrt ganz nahe gebracht.

Rahel Sameli