Welt umrundet

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Stammabend 4. Mai 2011

9 Jahre erfahrener und 85’000 Seemeilen im Kielwasser reicher, das ist genügend Stoff für ein Buch sowie für einen Stammabend, der rund 80 Mitglieder unserer RG anzulocken vermochte.

Obwohl im Titel „Welt umrundet“ nur der Name Katrin Henzi auftaucht, so wurde die Weltumsegelung – wie die geneigte Leserschaft weiss – nicht einhand absolviert, sondern zu zweit, mit Ehemann Dieter, dem „Inscheniör“ und Fotograf an Bord. Als solcher ist er auf keinem Bild zu sehen und ging auch als Autor, respektive Mit-Inspirator für das Buch schnöde vergessen. Die Lektorin wollte sogar ein Frauenbuch gestalten und anscheinend fand das Buch bei der weiblichen Leserschaft auch mehr positive Resonanz als bei der männlichen … Es soll sogar heftige Kritik am Inhalt gegeben haben. Weshalb? Gemäss Katrin, weil sie ehrlich über Handlingsfehler an Bord und Stimmungsschwankungen geschrieben hat. Vermutlich ist der typische männliche Skipper unfehlbar, bewältigt Monsterseen mit Leichtigkeit und behebt sämtliche technischen Mängel mit seinem Schweizer Sackmesser …

Gerade diese Ehrlichkeit macht jedoch aus Sicht des Schreibenden bzw. Einladenden den Charme des Buches aus. Ein Ehepaar gestaltet den Frührentnerstatus in einer vorbildlichen Art und Weise. Die Planung, sowohl finanziell als auch navigatorisch bzw. technisch, ist äusserst seriös. Trotzdem passieren v.a. im ersten Halbjahr noch einige Fehler, die anderen Crews auch unterlaufen, die jedoch meistens verschwiegen werden. Es ist ihr Ziel, viele bekannte und unbekannte Destinationen anzulaufen und nicht, Rekorde zu brechen und die Welt an ihrem Leben teilhaben zu lassen. Ich bin überzeugt, dass die Henzi‘s auch in der heutigen Zeit nicht täglich via Blogs und anderer Gimmicks die Welt an ihrem Törn teilhaben lassen würden, denn es ist ihre Reise, nicht eine solche für Sponsoren und die Medien.

Bescheiden lassen uns die Henzis teilhaben an ihrem Törn. Sie entscheiden sich für eine HR42 Ketsch, weil sie Sicherheit suchen, nicht aus Prestigegründen. Trotz der für die Qualität bekannten Marke erkennen sie im Laufe der Zeit einige Optimierungspotentiale. Das Schiff wird in CCS Manier ausgebaut und die Stau-Checklisten erinnern uns alle an die Clubschiffordner … Es wird jedoch mehr gepackt, als für einen Törn üblich: Skier und Bergseile werden ebenfalls mitgenommen, sind doch auch viele Landausflüge eingeplant.

Nach der Schiffsübernahme in Schweden geht’s nach Spanien, wo die Ausrüstung finalisiert wird. Die  Planung basiert generell auf einem Zeithorizont von 1 bis 1.5 Jahren, v.a. die Grosswetterlagen beachtend, sodass getrost der erste Schlag Richtung Karibik – Kanada – Karibik – Panamakanal – Hawaii – … in Angriff genommen werden kann.

Interessant ist, wie bspw. am Barographen die Panamakanal-Staustufen erkannt werden können, dass man in Rossbreiten nachts wie von Zauberhand zurückversetzt werden kann oder wie man fast 1200 Meilen vom Ufer entfernt noch beinahe Seezeichen rammen kann. Nach der ITCZ schiebt der Passat die „Stengah“ (Wikipedia: “A Stengah is a drink made from a half measure of Whisky and Soda Water, served over ice”) nach Hawaii, wo der Aufenthalt etwas verlängert wird, ist doch die Insel voller Reize. Anschliessend wird Kurs „Nord“ abgesteckt, Alaska resp. der Norden Kanadas stehen an. Der Baro fällt und der Wind nimmt teilweise bis auf 7-8 Bft zu, dafür sind sukzessive die Badehosen durch Winterkleidung zu ersetzen. Trotzdem sei gesagt, dass dies ein Traumrevier ist. Katrin schwärmt von Schneebergen, Fjorden und Gletscherlandschaften, verschweigt jedoch auch nicht die anderen Wetterlagen …

Nebst einem Armbruch bleibt den Zuhörern v.a. auch eine andere Story in Erinnerung. Nach einem Landgang ist die Yacht verschwunden … Noch selten zuvor wurde das Dinghy so schnell bewegt … und die „Stengah“ kann kurz vor der Strandung wieder geentert werden (Wer so was verhindern will, der ist herzlich zu unserem Dezember-Stammabend eingeladen, Thema „Ankern“). Nicht unbedingt immer nachahmenswert waren die Fahrten durch Fjorde, die sich fast mehr über Eis als offenes Wasser auszeichneten … Wer hier festsitzt, hat mindestens eine längere Jassphase vor sich sowie genügend Eiswürfel für den Whisky, idealerweise geschüttelt und nicht gerührt …

Nach der Pause geht’s in einem Quantensprung in die Südsee. Traumhafte Reviere mit Palmenstränden verleiten zu Träumereien. Bora Bora, Tonga, … das sind Paradiese für Touristen, jedoch nicht immer ganz einfache Lebensverhältnisse für die Einheimischen, auch nicht für die Schweine, die als Spanferkel am Spiess landen … Jede Medaille hat halt zwei Seiten …

Nach Neuseeland mit einem ausgeprägten Tief, der die CCS Flagge zu einem „Putzlappen“ verarbeitet, geht’s auf Cook’s Spuren der Australischen Küste entlang.

Es wird langsam Zeit, sich über den finalen Trip Gedanken zu machen. Via Molukken, Kap der Guten Hoffnung, Karibik und Azoren steht Spanien wieder auf dem Programm, der Ausklarierungs- wird zum Ankunftshafen. Doch vor dem Finale steht ein „Schüttelprogramm“ im Bermudadreieck an. Unter und auf Deck ist es praktisch gleich nass … Die Crew ist äusserst stark beschäftigt und ein Zwischenhalt auf den Azoren wird dringend benötigt, denn Reparaturen, Reinigungsarbeiten und Trockenlegungen stehen an. Zudem gilt es, sich mit dem obligatorischen Bild im Hafen für die Nachwelt zu verewigen.
Auch das ist halt Segeln … nicht nur schönes Wetter, angenehme Winde und eine Yacht im perfekten technischen Zustand … Trotzdem, es hat sich für die Beiden gelohnt, auf und unter der Wasseroberfläche, haben doch die Henzi’s ihr Tauchkönnen unterwegs perfektioniert, um die faszinierende Korallen- und Wrackwelt entdecken zu können.

Zurück in Europa wird die Yacht verkauft und man beginnt, das zwischenzeitlich erworbene alte Bauernhaus zu renovieren. Ein neues Abenteuer hat begonnen …

Mit einem sehr grossen Applaus und einem „Bhaltis“ mit Flüssigem und Süssem aus der Region dankte die RG den beiden Referenten und sehr viele signierte und gestempelte Bücher wurden von den Mitgliedern erworben.

Auf dem Nachhauseweg dachten sicher einige wie ich: Weshalb nicht das Haus verkaufen und Leinen los … Möglicherweise wird dieser Traum für einige von uns auch in einigen Jahren Wirklichkeit, vielleicht auch für mich …!

Captain Andreas Schneeberger