RG-Törn 2012: Oban-Galway

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Auf den Spuren der spanischen Armada, …
Wer Larssons „Keltischer Ring“ und Stevensons „Kidnapped“ gelesen hat, sich der zahlreichen Armadawracks entlang der schottischen und irischen Westküste bewusst ist und sich während der Törnplanung in den Wintermonaten noch ab und zu Berichte der Wetterstation Malin Head anhört, kann ein leicht ungutes Gefühl bei der Vorbereitung der Etappe Oban-Galway bekommen: Auf dem Papier sieht die Planung zwar bewältigbar aus, doch wie wird das nur, wenn einem zwei Wochen Westwind mit Sturmstärke entlang der rauhen irischen Nord- und Westküste beschert sind?

… der schottischen Brennereien, …
Alles ganz anders – im Falle des RG-Törns 2012 haben wir nichts vom stürmischen Westwind und den berüchtigten Atlantikwellen mitbekommen. Vielmehr hat uns schönstes Sommerwetter im Starthafen Oban an der schottischen Westküste empfangen. Nach ersten Pints, feiner Fischküche, einer erholsamen Hotelübernachtung und einem deftigen Frühstuck konnten wir am Samstagmorgen die vielgerühmte „Flying Swiss“, eine Arcona 43, übernehmen. Nach der obligaten Einkaufstour und der Sicherheitseinweisung segelten wir mit SW 3-4 bei herrlichem Wetter nach Tobermory – ein Törneinstieg, wie er besser nicht hätte sein können. Dank der langen hellen Sommertage im Norden spielte es auch keine Rolle, dass wir erst um 22 Uhr unser Tagesziel erreichten, denn den Ankertrunk konnten wir immer noch gemütlich unter freiem Himmel zu uns nehmen.

Weiterhin traumhafte Bedingungen begleiteten uns während der weiteren Tage in Schottland. Von Tobermory führten die nächsten Etappen in den Sound of Iona und nach Islay – das Highlight für Freunde des torfigen Whiskys und eines der erklärten Etappenziele des Törns. Da uns das Glück während des gesamten Törns stets treu war, fanden wir in Port Ellen einen Platz am Steg, der es uns erlaubte, flexibel an Land zu gehen und uns ohne Einschränkungen dem Whisky zu widmen. Unsere Gelüste konnten auch gestillt werden, denn wie es der Zufall wollte, besuchten wir Islay während des jährlich stattfindenden Festivals „Fèis Ile“ – dem „Islay Festival of Music and Malt“. Dabei hat jede der Inselbrennereien ihren speziellen Besuchstag und ein Rahmenprogramm auf der ganzen Insel sorgt zusätzlich für genügend Unterhaltung und Whisky. Selbstverständlich nutzten wir nicht nur die Gelegenheit eines Brennereibesuchs bei Lagavulin, sondern wir nahmen auch am Whiskydegustations-Wettbewerb in Port Ellen teil. Dabei hatten wir ein erstes Teilziel auf Islay, nämlich das Degustieren zahlreicher Insel-Whiskys, erreicht, das zweite Ziel, ein Preisgewinn in Form mehrerer Whiskyflaschen, verpassten wir jedoch leider.

Fazit: Vor dem nächsten Besuch des Whiskyfestivals ist ein regelmässiges Training angesagt, so wie es sicher jene Schweden praktizieren, die sehr erfolgreich mehrere Siegesflaschen abgeholt haben.

… eines Heiligen, eines Mythenkönigs und einer Piratin, …
Nach den traumhaften warmen Sommertagen in Schottland stand die Überfahrt an die irische Nordküste auf dem Programm. Skipper Lukas warnte die Crew eindringlich, dass mit dem Aufenthalt in irischen Gewässern auch mit Regen – nicht von oben, sondern von der Seite – gerechnet werden muss. Da aber Wind- und Wettervoraussagen keine problematischen Bedingungen voraussagten, nutzten wir die Gelegenheit und verbanden die beinahe 80 sm lange Überfahrt an die irische Nordküste mit einer Nachtfahrt. RG-Toern-2012-Tory-IslandEtwas enttäuscht war die Crew, weil die grossen Leuchtfeuer von Inishtrahull und Fanad Head vom Nebel verschluckt wurden, doch umso grösser war die Freude, als der angesteuerte Nordquadrant aus der Ferne aufblinkte und schliesslich auch das Leuchtfeuer unseres Etappenziels Tory Island sichtbar wurde. Während des kurzen Aufenthalts im Hafen bei West Town erfuhren wir, dass das Hafengeschehen von Fähre und Fischern diktiert wird, so dass wir uns entschieden, lieber eine ruhige Ankerbucht um Tory Island herum zu suchen, um uns dort von den nächtlichen Strapazen zu erholen. Diese Bucht fanden wir an der Ostecke der Insel bei Port Doon und die Molenleiter erlaubte es uns, mittels Dinghy einen Landausflug auf Tory Island zu unternehmen.

Während der Seereise von Oban nach Galway begleitete uns nicht nur stets schottischer und irischer Whisk(e)y, sondern auch der keltische Mythenkönig Balor, der heilige Columban sowie die irische Piratin Granuaile. Alle drei wirkten an der irischen West- und Nordküste und bis nach Schottland und haben das grossräumige Gebiet stark geprägt. Schauplätze des Wirkens des irischen Mönchs und Missionars Columban lassen sich bis nach England und Schottland finden, doch die Hebrideninsel Iona gilt als Zentrum, denn von diesem Stützpunkt aus erfolgte die Bekehrung Britanniens und auf Iona liegt auch das Grab von Columban. Seine Spuren hinterlassen hat Columban auch auf Tory Island und dort lassen sich auch Hinweise auf den einäugigen Mythenkönig und Riesen Balor finden, denn die Insel soll eine seiner Wirkungsstätten gewesen sein. Balor wurde von seinem Enkel und Sonnengott Lugh schliesslich getötet und Irland damit vom Treiben Balors, dem König der Dunkelheit, befreit.

Unser gesamtes Törnrevier von Galway bis Schottland wurde im 16. Jahrhundert vom Clan der O’Malley kontrolliert. Auf Clare Island in der Clew Bay liegt der Stammsitz des Clans und dort soll die berüchtigte Piratin Grace O’Malley, auch Granuaile genannt, in der alten Kirche begraben sein. Nach der spannenden Vorbereitungslektüre über Granuailes Wirken an der irischen Westküste war der Spaziergang zu ihrer Grabstätte quasi ein Muss und bot Gelegenheit, ein Teil der Insel zu erkunden. Da es bereits Abend war, standen wir anfangs vor verschlossener Tür, doch der Anwohner neben der Kirche und Hüter des Kirchenschlüssels händigte uns den Schlüsselbund bereitwillig aus, so dass wir ein weiteres Törnziel, den Besuch des legendären O’Malley-Grabes, abhaken konnten.

… einer Pipelinebaustelle, …
Nach diesen Abstechern in die verklärte irische Vergangenheit wurden wir an unserem nächsten Ankerplatz beim Rinroe Point in der Broadhaven Bay und vor der Sruwaddacon Flussmündung schlagartig mit der Realität globaler Alltagsprobleme konfrontiert: Das an sich EU-geschützte Gebiet mit Torflandschaften und dem dünn besiedelten Küstenabschnitt und -lebensraum für Meerestiere, Vögel und aussergewöhnliche Pflanzen wird derzeit durch den Bau einer Gaspipeline und die geplante Inbetriebnahme einer Raffinerie 8 km im Landesinnern für immer beeinträchtigt. An der westlichen Peripherie Europas spielt sich deshalb seit 12 Jahren zwischen der lokalen Bevölkerung, Umwelt- und MenschenrechtsaktivistInnen, dem irischen Staat, und dem Energiemulti Shell ein Kampf um Energieressourcen, Macht, Geld sowie Lebensraum für Menschen, Tiere und Pflanzen ab.

Ausgefeilte Technik und der weltweite Hunger nach Energie ermöglichen es den grossen Energielieferanten, neue Energiequellen weit unter der Meeresoberfläche aufzuspüren und mit grossem Gewinn in den internationalen Markt einzuschleusen – so schnell verbinden sich die Sorgen der vor Ort betroffenen Bevölkerung mit der aktuellen Energiedebatte in der Schweiz! Da wir uns ausführlich über die Art und Weise von Shells Arbeitsweise und den Umgang mit der lokalen Bevölkerung informiert hatten, entschlossen wir uns, an unserem Ankerplatz ein grosses Banner aufzuziehen, welches unsere Solidarität mit der demonstrierenden lokalen Bevölkerung zum Ausdruck gab – ein weiteres Törnziel konnten wir abhaken.

… kulinarischer Genüsse aus dem Meer, …
Seit unserem Aufenthalt in der Broadhaven Bay gab es auf der „Flying Swiss“ regelmässig frische Meerestiere zum Essen. Angefangen mit den Crab Claws und Makrelen von Fischer Pat O’Donnell, gefolgt vom Makrelenfang unserer Fischerin Esther im Killary Fjord bis zum Kauf von Crabs, Lobster und Seespinnen direkt aus dem Schiff von Fischer Pat aus Ballyconneely. Überhaupt wurde auf dem Schiff während der zwei Wochen köstlich gekocht, so dass kein grosses Bedürfnis nach Auswärtsessen bestand, was an unseren zahlreichen Ankerplätzen natürlich von strategischem Vorteil war!

… der RNLI-Helden …
Wenige Ausnahmen gab es dennoch, zum Beispiel anlässlich unseres Besuchs in Clifden. Wir nutzten die Gelegenheit und befolgten den Aufruf aus dem CRUISING, bei einem Aufenthalt in Westirland die örtliche Station der RNLI, beziehungsweise den Finder der CCS-Flaschenpost von 2011 zu kontaktieren. So trafen wir Andrew Bell, den Leiter des lokalen Lifeboat-Stützpunktes, im Pub, wo wir uns neben ein paar Pints preiswertes, gutes Essen von der Bar genehmigten. Mehr zum Treffen mit Andrew Bell kann das CCS-Mitglied im CRUISING 12/2012 nachlesen.

Dieser Abstecher nach Clifden war ein weiteres inoffizielles Törnziel, das somit als erreicht ad acta gelegt werden konnte. Dies war auch nötig, denn unser Törn neigte sich rasant dem Ende zu. Noch stand eine Übernachtung bei den Aran Islands vor der Einfahrt nach Galway bevor. Bis zum frühen Abend waren wir ganz zufrieden mit unserer Tagesetappenplanung, denn wir erlebten einen wunderschönen Segeltag, inklusive der Passage durch den navigatorisch anspruchsvollen Joyce’s Sound, der Fahrt entlang der Südküste von Inis Mór und dem Blick zu Dún Aonghasa, wo der Grossteil der diesjährigen Besatzung ein Jahr zuvor selber oben an den Klippen die steile Felswand bestaunt hatte. Etwas ungemütlich wurde die Stimmung allerdings, als wir den aktuellen Seewetterbericht und die Wetterwarnungen über Funk hörten: Eine „Strong Gale“-Warnung wurde für unser Seegebiet angesagt und dies für uns ungünstig mit Wind aus Osten.

… und der tapferen Irlandsegler
Da es keine sinnvolle Alternative gab, übernachteten wir wie geplant in der Kilronan Bay vor Inis Mór an einer Gästeboje und waren gespannt, wie sich das Wetter über Nacht für unseren letzten Segeltag entwickeln würde. Nach fast zwei Wochen Segeln bei wenig bis mässigen Windstärken bewies uns das Atlantikwetter doch noch, dass es an Irlands Westküste heftig winden kann. Mit NNE 6-7 und schliesslich waagrechtem Regen – ein weiteres erreichtes Törnziel! – waren wir uns nun wirklich sicher, dass wir an der richtigen Küste unterwegs waren. Mit Sturmfock und 3. Reff segelten wir auf Amwindkurs Richtung Galway Bay und wurden damit zum nachmittäglichen Unterhaltungsprogramm der Passagiere auf dem Kreuzfahrtschiff „Bremen“. Da sowohl wir als auch die „Bremen“ auf Hochwasser und damit die Öffnung des Hafenschleusentores in Galway warten mussten, machte sich der Kreuzfahrtkapitän wohl einen Spass daraus, zusammen mit uns in gleichbleibender Distanz und Richtung Galway anzulaufen und den Passagieren damit ein wenig Action zu bieten, da deren Ausflug auf die Aran Islands infolge des Sturms wörtlich ins Wasser gefallen war.

Nass, müde und glücklich erreichten wir nach 565 zurückgelegten Seemeilen am Donnerstagabend unseren Zielhafen Galway. Nachdem unsere „Flying Swiss“ und die Crew gründlich geputzt worden waren, beendeten ein letzter Apéro und ein feines Abendessen unsere gemeinsamen Abenteuer – schön war’s!

Rahel Sameli